Sonntag, 7. März 2010

Sozialstudie

Samstag, halb 1 mittags, Pohang. Regen, vielleicht 5 Grad. Zweitagesausflug an den Strand.

Wir Internationalen sind in Legehennenmanier alle in ein einziges Haus sortiert, wobei sich die überraschend zahlreichen (170) Studenten noch in drei Subkulturen aufteilt, die ihrerseits wieder recht gut die Weltbevölkerung widerspiegeln. Zum einen sind da die Chinesen, die sich aus unerfindlichen Gründen gleich überhaupt nicht mit der koreanischen Küche anfreunden können und bei meinem Teewasserholen immer für ungeahnte Geruchssenationen sorgen, als zweite Hauptgruppe treten die Inder auf, die ja... ach was soll ich denn zu den Indern noch sagen. Die dritte Gruppe sind einfach der Rest der Welt, wobei der amerikanische Kontinent mit einem Stereotyp-U.S.-Mittsüdoststaatler weit unter-, und die Franzosen mit 11 Vertretern vielzuvielzuvielzu stark überrepräsentieren. Dazu kommt eine Reihe an Einheimischen, die sich durch einen Aufnahmetest für das Haus qualifizieren müssen, dann ein Semester auf Probe sind, und noch dazu wöchentlich bei mehreren Gruppenaktivitäten teilnehmen müssen, sonst fliegt man. Die haben noch dazu ein Strafpunktesystem, wenn zum Beispiel am Gang koreanisch gesprochen wird, gibts gleich mal eine auf den Deckel. Und ein Auszug dieser illustren Runde, der sich aus ungefähr 35 Personen der RestderWeltgruppe zusammensetzte, hat sich eben gestern zur genannten Zeit und genannten Wetterbedingungen eingefunden.



Nach einer nicht weiter nennenswerten Busreise, die ungefähr 35 Kilometer in eineinhalb Stunden umfasste (Mörderpreis 1,20€), gabs in so einer Art Ferienwohnungsanlage einmal eine gute Suppe, und dann wurde kurz erklärt, was zu passieren hatte, nämlich sich zu sozialisieren unter Alkoholeinfluss, wurde dann einmal auf dem beheizten Parkettfußboden Platzgenommen und ein, für internationale Verhältnisse doch eher durschnittliches, Bier zu sich genommen.
Da das sich das ganze zwischen 15 und 16 Uhr abgespielt hat, und irgendwer dann den Geistesblitz hatte, dass sich das bei diesem Trinktempo wohl bereits am frühen Abend zu einem fröhlichen Alkoholleichenstapeln entwickelt hätte, war dann allgemeiner Strandspaziergang angesagt. Zusätzlich zum eh schon widerlichen Regen hat sich noch ein Lüfterl dazu gesellt, das jedes Windkraftwerkrad dazu gebracht hätte, drei mittlere Städte zu mir frischestem Ökostrom versorgen. Dieses Gesamtbild an Witterung hat dann zu einem sehr eigenartigen Stranderlebnis geführt; man ist halt 10 Minuten hingegangen, hat sich dann am Strand erfreut, dass seine Schuhe nun auch einmal von Quasipazifikwasser befeuchtet worden sind, und ist dann wieder 10 Minuten zurückgegangen. Ein paar Verrückte sind dann auch noch ins Wasser gesprungen, aber da war ich schon wieder am warmen Fußboden. Zum Abendessen hat sich dann neben ein paar anderen Gerichten wieder eine Suppe angeboten, und dann ist auch schon das kollektive Wegsprengen losgegangen.





Jedes Spiel, das in kleineren oder größeren Runden gespielt wurde, war zwangsläufig mit Schnapskonsum verbunden, was zu breakdancenden Koreanern, taumelten Hausleitungsmitgliedern und einem schreienden Libanesen geführt hat. Derartige Veranstaltungen auf Universitätsniveau haben natürlich auch immer Fleischmarktcharakter... dachte ich. Was in der westlichen Welt unweigerlich zu verschiedensten Ausdrucksweisen der Romantik geführt hätte, war hier... naja nix. Die drei europäischen Damen sind zu 66% vergeben und zu 33% Ausgeburten der Introvertiertheit, die sind für die geschätzten 25 männlichen Teilnehmer dann schon mal weggefallen. Die restlichen, ausschließlich einheimischen (die eine Taiwanesin, die im Herzen genauso Koreanerin ist, zählt nicht), Damen haben ein eher anderes Verständnis von Privatleben .



Die hohe Eheschließungszahl ist nicht auf die ausggeprägten familiären Werte sondern auf die erzkonservativ-christliche Auffassung der Intimität zurückzuführen. Körperkontakt gebe es zum Beispiel sowieso erst nach etwa 3 Monaten. Die Franzosen sind damit natürlich überhaupt nicht d'accord gegangen, und versuchten, mit mehr Alkohol, langen Gesprächen, Tanzmoves, und natürlich mehr Alkohol das Glück auf ihre Seite zu ziehen. Und tatsächlich, eine der Damen, die mit den tollen Socken, ist gefallen, zu viel Schnaps im Kopf, vielleicht war auch schon eine Müdigkeit dabei, um 5 in der Früh; die hat doch wirklich für ungefähr 15 Minuten ein kleines bisschen die Hand eines Franzosen gehalten. Skandal schon fast.




Mit ungeheurem taktischem Geschick hab ich mir den Schlafplatz auf der Couch ergattert, die aber auch nicht viel besser war als das traditionelle koreanische Bett, der Boden.
Nach 3 Stunden Halbschlaf hats dann zum Frühstück, no na, einmal wieder so a geschmacklose Suppe gegeben, dann wurde eine Stunde geputzt, und dann wieder ewiglange Busfahrt zur Uni. Der Bus voller alkoholdampfender Europäer war wohl Albtraum jedes weiteren Benützers der öffentlichen Verkehrsmittel.


12.30, Sonntag, kein Regen, kein Wind, ein bisschen wärmer als am Vortag. Der beste, wichtigste und geschmackvollste Whopper mit Speck und Käse meines Lebens.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen