Montag, 24. Mai 2010

Pfeifn.

Vor zwei Monaten, als wir die Grenze zum Norden besuchten und am Tag zuvor das Schiff untergegangen ist, wars natürlich schlimm, aber halt auch aufregend für uns, es hat dem Trip einen kleinen, speziellen Reiz gegeben, der das Erlebnis einfach ein wenig verstärkt hat. Viel gelacht und gescherzt ist damals geworden, weil die Möglichkeit, dass sich die Situation zu einer Ernsthafteren entwickelt für uns einfach nicht gegeben, fast schon absurd war.

Das Lachen ist in den letzten Wochen der einen oder anderen politischen Sorgenfalte gewichen. Die Wasserminentheorie ist schnell dem Torpedo gewichen, und der Norden steht am Pranger, und das, wie die einhellige Meinung unter den internationalen Studenten lautet, mit Recht. Vom Randthema, das hin und wieder auftaucht, hat sich die Krise, wie der Standard es nennt, zu einem zentralen Gesprächsinhalt entwickelt; es vergeht kaum ein Tag ohne direkte Konfrontation mit dem Thema.

Aber wie gesagt, es sind die Internationalen, die Meinungsbildner sind, die Koreaner... reden nicht. Es ist völlig unklar, ob die einfach mit dem täglichen Thrill leben und die Situation als Business as usual und damit als nicht besprechungswürdig behandeln, das die größte Kombination von ignoranter Angst und Realitätsverweigerung ist, die ich je erlebt hab, oder einfach vernünftig ist.

Und im Endeffekt wirds eine Kombination aus allen drei Punkten sein. Wenn es nicht eskaliert, warum sich unnötig Sorgen machen, wenn doch, kann man sich dann noch immer seinen Emotionen hingeben, und sowieso, "es wird schon nix sein".

Als Kind einer Generation, die Krieg aus dem Fernsehen kennt und wirklich nie bewusst die Spannung, die schon die jetzige Situation mit sich bringt, am eigenen Leib erlebt hat, hat man wahrscheinlich einen anderen Zugang. Man kennt, versteht nicht, was da eigentlich passiert gerade, noch weniger weiß man, wie man umgehen soll damit.
ORF, BBC und koreatimes werden immer mehr erste Infoquelle am Tag (fast schon vor Facebook) und man ist ein bisschen Vorsichtiger, welche Flüge man wann bucht für die Reisezeit danach, weil man ja schwer weiß, wies bis dahin ausschaut.

Vernünftig wär wohl der Mittelweg zwischen dem koreanischen und dem unsrigen, wenn man eingeschüchtert ist, hat der andere schon gewonnen, wenn man komplett ignoriert, wirds einen im Falle noch viel härter treffen.

Angst? Nein. Besorgt? Etwas. Erfahrungswert? Auf jeden. Und in zwei Wochen werden nicht die politschen Spannungen die größte Sorge sein, sondern die Abschlussprüfungen. In vier Wochen dann die Entscheidung, welcher Lichtschutzfaktor wohl der richtige sein wird fürs lange Strandliegen. In acht Wochen dem chinesischen Taxifahrer erklären, dass man zum Flughafen will, weil man schon viel zu spät ist für den Flug nach Japan. Und am 6. August dann, ob man zuerst ein Puntigamer oder ein Murauer genießt, wenn man spätabends nach der Landung in der Heimat ein Steak am Griller liegen hat.

Es wird schon nix sein.

Sonntag, 23. Mai 2010

Wortwahl

Natürlich schreib ich weiter.
Ich bitte um Verzeihung der unglücklichen Wortwahl, ich wollt nur mal zwischendurch danke sagen.
Zur Entschuldigung gibts noch einmal das Facebookvideo.

Donnerstag, 20. Mai 2010

See

Bei uns findet gerade der fliessende Übergang von frisch über heiß auf tropisch statt, die goldene Mitte zu genießen steht damit natürlich ganz oben auf der Liste. Das, was hier als Frühling durchgeht, ist kurz, aber schön. Heute hatte es angenehme 30 Grad, vergleichsweise trockene Luft. Grund genug sich Musik ins Ohr zu transferieren und die Zeit zwischen Frühstück/Mittagessen (gemischter Reis, tatsächlich) und Vorlesung damit zu überbrücken, sich den geschickt im geometrischen Mittel des Unigeländes liegenden Teich zu nutze zu machen, in dem man ihm jede noch so kleine Nuance an Entspannung entzieht und die Stunden zum Aufwachen nutzt. Es war ein rarer Langschläfertag.


Karma hat mir letzte Woche gezeigt, dass es durchaus möglich ist, sich durch einen Socken hindurch Haut vom großen Zehen zu reissen, aber seit dem wars wirklich ruhig (9 Tage, YEAH). Also hab ich sicherheitshalber mit einem siebzehnfachen Serienmord an heimischen Mosquitos wieder etwas Material zum Arbeiten gegeben. Die Strafe hat sich aber nicht durch, wie sonst üblich, teilweiser Zerstörung meines Körpers materialisiert, sondern in Form von einer hübschen und einer nicht ganz so hübschen jungen Dame. Sie seien von der anderen Universität in der Stadt, und seien zu Besuch auf der unsrigen, hätten mich vom anderen Ufer des Teichs aus gesehen, und wollten sich neben mich hinsetzen, sagt die hübschere, die andere schaut nur.
Der Stefan denkt sich, na gibt es denn das, hab ich denn jetzt die einzigen für Gespräche zugängliche Damen der Stadt getroffen, die von sich aus auf wen zugehen, andere Kulturen kennenlernen, Geschichten hören und erzählen, vielleicht sogar gemeinsam Eis essen gehen wollen?

"Glaubst du an Gott?"


Na geh.

Und schon hab ich eine viertel Stunde lang dem, trotz des Fakts, dass ich eigentlich schon der "richtigen" Religion angehöre, sehr intensiven missionieren widerstehen und meine Sichten über Gott und die Welt und Gott darlegen müssen. Mitgespielt habe ich, ich wollt schauen, ob ich es schaffe, dass sie sich selbst widerspricht. Das Unterfangen war nicht von Erfolg gekrönt. Einerseits sie felsenfest in ihrem Glauben, war auch schon in Syrien Muslime zu Christen ummodeln, und die andere, die sich im Hintergrund gehalten hat, hat ihre Rolle gut gespielt. Sie war die Missionarsflüstererin. Wenn das Sprachrohr nicht weiter gewusst hab, war ein kurzer koreanischer Kommentar von nebenan zu hören, und schon ist es munter weitergegangen mit der Predigt vom ewigen Leben und zugehörigem Frieden.
Sie hat mir dann ein gutes Leben gewünscht. Ein Leben mit Jesus. Und dann war endlich wieder die Sonne im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit.

12 Stunden später.


Die Sonne ist vielen anderen Sternen gewichen. Ein paar Pärchen sitzen am See, freuen sich, dass sie Händchenhalten, weil Händchenhalten im freien natürlich gleich viel pikanter als zuhause. Und zwei Österreicher, Sixpack, also Bier, und viel Fachsimpeln über die Welt. Das Unileben nehmen wir beide nicht mehr so schlecht auf wie zu Beginn, man ist heiter, freut sich aufs Reisen, plant, scherzt, trinkt. Jedes Bisschen an Entspannung in der Gegend konzentriert auf uns acht.

Und schon wird sie im Kopf begonnen, die Liste: "Sachen, die ich vermissen werd."


Vielen Dank an alle Leser aus:

Graz, Wien, Pohang, Lund, Linz, Kalmar, Zürich, Cottbus, Klagenfurt, Tampere, Oldenburg, Salzburg, Dortmund, Unterprämstätten, Bremerhaven, Innsbruck, Trondheim, Bludenz, Würselen, Bruck an der Mur, Schwabmünchen, Köflach, Greifswald, Würzburg, Bremen, Leibzig und Syracuse.

Sonntag, 9. Mai 2010

Darf ich vorstellen: Karma, die Sau.

Bei weitem zu viel Kulinarik hats gegeben in letzter Zeit, also war wieder was bodenständigeres am Programm... ein ganz traditioneller Ausflug.
Am Mittwoch war Kindertag, was anscheinend ein Grund ist, der Universität fernzubleiben, und so wurde nach kleiner Besprechung ein hübsches Örtchen namens Andong als Ziel gewählt. Treffpunkt war zur absoluten Unzeit von 8:20, Mitglieder der Reisegruppe waren alle Teil der kleinen Familie, die sich hier herauskristallisiert hat. Rebecca, burkinofasoianische Französin und Mama, Jooeon (nicht aussprechen probieren, es ist sowieso falsch), das koreanische Quantenoptikphysikarbeitstier, die schon ein schlechtes Gewissen hat, wenn sie auch nur ein bisschen zu lang Mittagessen geht und nicht fleissig im Labor quantenoptifiziert, und das österreichische Ehepaar.


Zwei Stunden Busfahrt, untermalt von koreanischen Pop- und Schnulzenhits, haben dann dazu geführt, dass uns das liebe Touristeninformationsbüro gleich wieder in einen Bus gesteckt und noch einmal 4o Minuten Sitzfleischtraining verordnet hat. Angekommen sind wir dann in einer kleinen Ansiedlung, die bekannt für ihre Maskenfestivals ist, und ein authentisches altes Zweiklassengesellschaftsdorf zum Angreifen bietet, Freilichtmuseum Stübing auf ostasiatisch.
Nach einem halbwegs guten Essen in einer halbwegs schlechten Touristenfütterungsanstalt ist dann der Spaziergang durch die kleine Ortschaft, die zu 75 Prozent vom ruhigen Fluss umgeben ist, losgegangen.


Und das war schön, nichts tun, Häuser, Felder, Blumen und Familienausflugsteilnehmer anschauen, dann ein wenig entspannt sitzen am Platz, wo die Pärchen nur so aus dem Boden spriessen, ein paar Souvenierverkäufern mit langen Diskussionen über einzelne Produkte Hoffnungen auf das Geschäft ihres Leben zu machen, Kinderaugen aufgrund der aberwitzigen Zusammenstellung der Reisegruppe zum leuchten bringen, HighSchoolKids mit einem Hi! abspeisen, die dann wieder daheim erzählen können, dass sie mit einem Ausländer ein englisches Gespräch geführt haben, die Sonne genießen, in dem Wissen, dass es noch viel viel viel heisser wird, schön.


Dann zurück mit dem Bus, und hinein ins Taxi, auf die andere Seite der Stadt, wo ein anderes Freilichtmuseum gewartet hat. Auch hier war Gegend genießen der viel größere Punkt als das Kulturerlebnis, eine halbe Stunde in der Mitte der größten Holzbrücke Koreas zu sitzen und den Wind über das Gesicht streichen zu lassen hat eine solche Kontrastwirkung zum sonstigen Alltag gehabt, gute Sensationen. Und dann, dann hat das Karma zugeschlagen. Wieder.


9 Tage zuvor.

Wir spielen hier leidenschaftlich gerne eine Squash Variante (Raquetball, und ja, es gibt 40 Schreibweisen, zumindest hier), in der der Max der klar dominierende Spieler des Hauses ist, ich irgendwo an zweiter Stelle, dann lang nix, und dann der Rest. Auf jeden Fall, egal ob Doppel oder Einzel, Österreich ungeschlagen.
Um die Leistungen auf hohem Niveau zu halten, spielen wir natürlich auch gegeneinander. Und so ist es passiert, am Vorabend der letzten Prüfung, dass mir der eigene Schläger auskommt, der aber mittels Schlaufe am Handgelenk befestigt war, und dadurch den Weg zu meiner Stirn gefunden hat, Platzwunde, irrsinnige Sauerei, aber eben gut gewesen, dass nur die Stirn und nicht die Brille oder ein Zahn dran glauben hat müssen.


3 Tage zuvor.

Das Loch im Kopf wieder zu, halbwegs, also wieder sportlich, und weil eigentlich reges Interesse bestanden hat, einen American Football gekauft, und ein bisschen hin- und hergeworfen. Irgendwann hat dann mein Unterbewusstsein (oder doch Karma?) beschlossen, es sei eine gute Idee, den Ball mit dem kleinen Finger zu fangen, beziehungsweise den Versuch zu unternehmen. Und das hat und war dann geprellt, natürlich die rechte Hand, schreib- und essensbehindert, und mit Ballspielen jeglicher Form ist es jetzt auch einmal vorbei.

Hab ich mir Gedacht, Karma, du hast deinen Spass gehabt, jetzt simma wieder gut. Friedensvertrag unterschrieben, und dann doch noch heimgesucht werden, dass ist in der Geschichte sicher noch überhaupt nie passiert.


Wieder im Freilichtmuseum.

Steht man im alten, bemalten Holzpavillion, genießt die Aussicht, erfreut sich der Gegend und auf einmal ist der Boden weg. Gut, nur unter einem Fuß, aber es gibt angenehmeres, als aus einem Kulturerbe Koreas unter Beobachtung von amüsierten Einheimischen halb herauszubaumeln. Passiert ist bis auf ein paar Schürfwunden und ein wenig blau nichts, aber Karma. Hurch amoi zua.
Es ist genug.

Sonntag, 2. Mai 2010

Da ist der Hund drinnen

Bevor ich ankam, war ja die Aussicht darauf, etwas aussergewöhnlicheres zu essen als den Weltklassedürum vom Pamukkale und einer gelegentlichen Tiefkühlpizza, ein Faktor, der sehr fördernd für den Reiz der ganzen Aktion hier war. Das Meeresgetier übertrifft geschmacklich alles bisher erlebte, zum Tintenfisch kann man noch vor dem Restaurant in das Glasaquarium Hallo! sagen, bevor er dir eine halbe Stunde später serviert wird, dann gibt es Speisen, wo man keine Ahnung hat, was es eigentlich ist, aber vorzüglich im Geschmack, und Exoten wie Seegurkensalat sind das Sahnehäubchen am sprichwörtlichen Meeresfrüchteschokoeis.


Auf der anderen Seite bleiben einem Erlebnisse wie das Seidenraupendebakel natürlich auch nicht erspart, verdoste Speisen ohne Bild sorgen für interessante bis ekelhafte Überraschungen, und wenn man dann hört, dass es irgendwelche Seeschnecken gibt, die billiger und dementsprechend ansprechender als die oben genannten Stoffproduzenten sind, sieht man seiner tiefschwarzen Geschmacksknospenzukunft entgegen.

Dass dann eine Facebooknachricht mit dem Inhalt "Dog, tonight?" zu emotionalem Springschnurspringen führt, ist halt auch klar. Aufgeregt waren natürlich alle die da mitgegangen sind, die Franzosen haben sich mit ihren Daheimgebliebenen im Facebook Kommentarschlachten geliefert, die von "aufregend" bis "abstoßend" alles geboten haben. Der Hype war riesengroß, als sich dann die Ganze Truppe versammelt hat, hats ein bisschen Schulklassenfeeling vor der ersten größeren Klassenfahrt gegeben. Und auf dem Weg zum Restaurant war jeder Hund, den wir sahen, Opfer von sehr tiefgründigen Scherzen, die zu 90% mit dem Satz "Du bist der nächste" geendet haben.


Der Hund ist ja eigentlich seit der Fußballweltmeisterschaft verboten, weil das damals eine große Imagesache war, ein bisschen "zivilisiert" ins Koreanische Werbeportfolio brigen. Darum kann man nirgendwo wirklich Hund bestellen, sondern nur was, was sich "stärkende Suppe" oder "stärkendes Fleisch" nennt. Weils angeblich potenzfördernd ist. Als ob Potenz das größte Problem wär, dass diese kaputte und eigenartige Liebesgesellschaft hier hat...
Der eine Koreaner, der sich mit Essen auskennt, hat uns gesagt, wenn man richtig guten Hund essen will, muss man schon ausserhalb der Stadt suchen, da gibt's das ein oder andere Plätzchen, die einem nicht unbedingt den Nachbarshund verkaufen und wo das wirklich ein Hochgenuss sein soll. Tja, unsere Gaststätte ist gleich neben dem Unicampus.


In dem kleinen Häuschen mit Flair von Reifenfirma ist unser Vertrauen in die Kochkunst schon sehr auf die Probe gestellt worden. Als gute Vorspeise hats Leber und Haut (wahrscheinlich auch vom Hund, aber da war sich dann keiner so sicher) gegeben, mit den üblichen Gemüsebeilagen. Der eigentliche Hund war dann wieder Fleisch und Fett und Haut, und naja, der Schnaps, den wir dazubestellten, war sehr sehr wichtig, dem Kopf einzureden: "Das muss jetzt sein". Der Soju, das Wegsprenggetränk, ist sowieso sehr einladend. Everyday! Good Morning! und junge, dynamische Mittzwanzigerinnen sind eigentlich drei Dinge, die nicht ansatzweise mit dem Getränk in Verbindung gebracht werden können, oder besser, dürfen.


Das Fleisch hat geschmeckt wie gekochtes Rindfleisch, mit einem Touch Schaf und einer Prise komisch. Die Aufregung hat mit dem Sättigungsgrad abgenommen, die kleine Schüssel Reis am Schluss war ein willkommener Geschmacksneutralisator. Das Erlebnis, das gegessen zu haben, der Fakt, dass man das auf seiner "To do in Life" Liste abhacken kann, übertrifft das eigentliche Geschmackserlebnis um ein Vielfaches.
Der Magen hat dann auch noch eine formale Beschwerde eingereicht, was zu dem Fazit kommen lässt, dass es zwar nicht gut war, aber zumindest war.