Mittwoch, 21. April 2010

Stundenplan

Die ersten 75% der Prüfungen sind geschlagen, werden wahrscheinlich alle wie erwartet ausgehen, und weil sonst wenig passiert, beschreib ich jetzt meine Kurse.

Thermodynamik - Ich bin besser als du.

Der Anfang war schockierend, da hat der Professor gleich einmal klargemacht, dass er gut und wir Dreck sind. Jetzt nicht harsch oder so, sondern subtil, durch die Blume. Sachen die er bringt, sind alle völlig trivial und "aus der Mittelschule bekannt" (NOT), und das Tempo und der zugehörige zu schnelle Vortragsstil entbehrt jedem didaktischen Wert. Am Anfang sind gleich einmal drei Vorlesungen entfallen, und da er eine "keine Ersatzvorlesungs-Politik" hat, hat er gesagt, er muss ein bisschen Gas geben. Und wie der Gas gibt. Das Englisch ist gut, und er will bei jeder Gelegenheit auch beweisen, dass das wirklich so ist, und in den schriftlichen Aufgabenstellungen finden sich manchmal Wörter, die hat man ja gleich noch gar nie gesehen hat als Normalsterblicher. Natürlich toll weil Bildungsauftrag, aber so einen Egotrip hat man selten im Universitätsbereich gesehen. Und ja, das soll was heissen.


Quantenchemie - Der falsche Freund

Gehalten von meinem Betreuungsprofessor, ist das mit Abstand die beste Vorlesung. Es herrscht fast familiäre Stimmung, er behandelt uns eher wie alte Kumpels, die eine kleine Auffrischung in einem bestimmten Gebiet brauchen. Hinter der Fassade verlangt er aber irrsinnig viel, wöchentliche Hausübungen im zweistelligen Seitenanzahlbereich stehen am Programm, die Prüfung ist für 4 Stunden angesetzt, von halb 8 Abends bis halb 12, wir dürfen aber auch bis nach Mitternacht bleiben, wenn wir die Zeit brauchen. ju. hu. Aber ist noch immer die angenehmste, und da werd ich viel lernen, das ist auch der Sinn der Sache.


Finanzmathematik - Griechisch gefällig?

Der spricht sehr unflüssiges Englisch, kommt aber aus der Mathematik, und auch gibts nur sehr viel Rechnen in der Vorlesung und weniger Erklärung, noch dazu ein exzellentes Skriptum, so dass die fehlenden Sprachkentnisse schön kaschiert werden. Ich hab mir gerade überlegt, was ich noch über den Kurs sagen kann. Der ist soooo mittelmäßig, nicht nervig, nicht begeisternd, nicht zu hart und nicht zu langweilig, wenn alles so wär wie der Kurs, es würde keinen Krieg geben auf der Welt, keine Liebe, und im Kampf Himmel gegen Hölle wäre unspannender Waffenstillstand, und Vulkane würden nur so viel ausbrechen, dass zwar spektakulär ist, aber nicht zu, und schon gar nichts beeinflusst wird.
Hm, eigentlich stimmt das nicht so nicht ganz, denn eines sticht heraus, der spricht griechische Buchstaben so schön aus, als wär er gerade selbst als Gott der Grecolinguistik vom Olymp gestiegen, um die halbe Erde gereist, um den Koreanern und auch mir die korrekteste aller Ausspracheformen der 24, ich möcht fast sagen Kunstwerke, der uralten Kommunikationsform darzulegen und näherzubringen. Keiner kann so schön Theta sagen wie er.



Quentenmachanik - Hölle

Ich hab den Teufel gefunden. Vielleicht nicht den großen, aber den kleinen Unterteufel, zuständig für Vorlesungen. Ich hab selten etwas so schlechtes und langweiliges erlebt, wie das, was der Herr Min hier fabriziert. Die Powerpointpräsentation besteht aus Formeln, die niederauflösend aus einem Lehrbuch herausgescannt worden sind und ein dementsprechender Schokobon fürs Auge sind, die Erklärungen laufen so ab: "This one", zeigt mit Zeigestab auf Formel. Pause.

Pause.

Pause.



Pause.


"Gives this on". Zeigestab auf andere Formel.

75 Minuten lang.

Wenn er was vertiefen will, geht die 32 Kilo Kreatur zum Lichtschalter. Schaltet das Licht ein. Schreibt was an die Tafel. "This one". Geht zum Lichtschalter. Schaltet das Licht aus. Geht wieder zur Projektionsfläche. "This one".

Jede Woche gibts Hausübungen, die mehr als Abseits meiner Kenntnis liegen, die definieren Hausübungen neu für mich. Ich hab mir die Lösungen besorgt. Sitz vor der Aufgabe. Der Lösung. Der Powerpointpräsentation. Drei Dinge, die in keinem Kontext sind, für sich allein keinen Sinn machen, und keinerlei Verbindungselemente aufweisen. Man braucht wohl wirklich ein abgeschlossenes Physikstudium, um die kleinen Brücken zu bauen, die nötig sind, um da Produktiv zu sein.
Wenn ich diesen Kurs positiv abschließe, liegts wohl wirklich nur an meinem wallendem, blonden Haar, meinem süßen Lächeln und meiner gesunden "ich hab dich lieb" Einstellung.

Die Bilder (natürlich ausserhalb des Kontexts):

Weg mit Kirschblüten; Weg mit Kirschblüten in Nacht; Weg mit Kirschblüten in der Nacht mit Französin; Erdbeeren; Max mit gesunder Arbeitseinstellung

Montag, 12. April 2010

Die spinnen, die Kor...

Ruhe ist eingekehrt auf dieser Seite, und man glaubt es kaum, es liegt nicht am Motivationsmangel. Die ist sogar in Überdosen vorhanden, mit dem Geld gehts bei diesen Billigpreisen eigentlich auch halbwegs dahin, der Faktor, der limitiert, ist die Zeit.

Exkurs ins Bildungswesen.
Ich versuch ja, das ganze hier halbwegs jugendfreundlich und schimpfwortfeindlich zu halten, aber mangels besserer Beschreibungsmöglichkeiten muss es wohl sein. Also als koreanischer Mittelschulschüler ist man gefickt.
Aber.
so.
richtig.
Man will natürlich auf eine gute Hochschule gehen, der Preis dafür ist wohl die Jugend. Der Alltag schaut so aus, gemütlich um halb 8 Uhr morgens wird der Schultag begonnen, zwischen den einzelnen Schulstunden hat man des öfteren etwa 45 Minuten Pause, und siehe da, schon ist der Schultag wieder vorbei, eine halbe Stunde vor Mitternacht. Da geben aber nur die Faulen auf, weil danach gehts noch zum privaten Förderunterricht, damit die Grundlagen der verschiedenen Wissenschaften auch wirklich sitzen. Um 2 oder so gehts dann ins Bett, um am nächsten Tag wieder frisch und munter in den Tag zu starten.
Und Samstag, sowieso paradisisch, weil da ist nur von halb 8 bis 18 Uhr Unterricht, also quasi langes Wochenende.
Diese angenehme Arbeitseinstellung zieht sich dann auch über die Universitätszeit, so trifft man Leute, die schon manchmal auch 80 Stunden in der Woche im Labor verbringen. Mit denen kann man fortgehen, und dann darf man sich nicht wundern, wenns heisst, er geht noch schnell ins Labor Experiment starten, um 4 in der Früh.

Die internationalen Studenten werden fröhlich ins Arbeitsleben miteinbezogen. Am Anfang waren wir ja noch der Meinung, dass während des Semesters klass Zeit bleibt am Wochenende, Korea zu erkunden, ein paar Bücher zu lesen, sich selbst zu finden, Kontakte zu knüpfen. Das Bild hat sich innerhalb der letzten Wochen gewandelt, drastisch.

Die Koreaner nehmen das mit einer gewissen Lethargie hin, die sind das irgendwie gewohnt glaub ich, da gibts kein auf und ab, da gibts nur Arbeit Arbeit. Für den unvorbereiteten Europäer natürlich Kulturschock pur, mit Sahnehäubchen. Wenn man dann Samstag abends mit einer Französin ein Eis essen geht, weil das ja schon höchstes der Partygefühle, wird einem schnell klar, dass die Situation nicht nur für ambitionierte Österreicher arg is, alle die nicht den Drill in der Jugend mitgemacht haben, sind überrascht ob des Umfangs der Heimarbeiten.

Am Abend, vor dem schlafen gehen, gibts immer lange Gespräche zwischen den inzwischen zum alten Ehepaar mutierten Österreichern, man lebt nicht nur im gleichen Zimmer, man lebt in Symbiose, eine richtige Lebensgemeinschaft. Wie ich jemals wieder alleine schlafen soll, keine Ahnung... und (sorry, Manu ;) ob seine Freundin so ein Ersatz für mich sein wird, ich wage es zu bezweifeln...

Und so geht die Geschichte der Kämpfer weiter, die sich durch dieses komplett verrückte Bildungssystem schlagen. Gebeugt sind wir, gebrochen noch lange nicht. Also bis morgen oder so, dann schauts schlecht aus. Der Urlaub danach, der vielleicht sogar nach Thailand führen wird, wird verdient, erarbeitet, erobert sein. Das wird schön. Und jetzt gibts noch einen Keks.

Samstag, 3. April 2010

Es liegt nicht an dir...

Dann, Seoul.

Den Abend nach dem Grenzgang haben wir typisch asiatisch-großstädtisch verbracht. Das erste Ziel war einer der berühmteren Tempel in der Stadt, wo es am Abend Glockenschläge gibt (und das lauft nicht elektronisch ab, da steht einer mit dem Rammbock, und lasst diesen in die Glocke schwingen, die dann gleich akustisch zurückschwingt) und diese traditionellen Bauten bieten vor dem dahinter aufragenden Teil Skyline ein ganz interessantes, fast schon absurdes Bild. Eingerahmt wurde das von dem Fakt, dass sich gleich auf der anderen Strassenseite das größte unterirdische Shoppingcenter Asiens befindet.


Das war, wie zu erwarten, schon so richtig groß, da gibts mannshohe Touchscreens zur Navigation, und eine Buchhandlung, die von der Fläche her international schon gut mitspielt, und natürlich die obligatorische Spielhalle. Spielhalle hab ich sowieso gern, und da ist es noch dazu nicht so wie beispielsweise in Italien, wo der durchschnittliche Besucher männlich, 13 und am pickelausdrücken ist, hier ist das mehr Ausflugsziel für Pärchen, die dann in trauter Zweisamkeit mit Plastikmaschinengewehren Zombiehirne an virtuelle Wände tapezieren oder sich liebevoll gegenseitig am Automaten verprügeln. Haben wir natürlich auch gleich ausprobieren müssen, aber irgendwie fehlt uns wohl die Kaltblütigkeit einer koreanischen Mittzwanzigerin.


Am Sonntag wollten wir noch was etwas gemütlicheres Angehen, ein kleiner Spaziergang zu einer Tempelanlage hat sich da angeboten. Leider war der reguläre Weg auf den Hügel (400m hoch oder so) wegen Bauarbeiten gesperrt, was einerseits die Wegbeschreibungen im Reiseführer hinfällig gemacht hat, andererseits uns das Vergnügen beschert hat, einen tollen Alternativweg zu beschreiten, der mich all meine (natürlich nur sehr spärlich vorhandenen) Sünden abbüsen hat lasen. Wie so oft, hat sichs natürlich ausgezahlt, sobald wir die Spitze erreicht hatten.

Seoul ist groß. Also jetzt nicht so bissi groß, oder spaßgroß, oder "wir tun so als ob groß und dabei is gar nicht so groß", sondern so richtig. Jetzt von der Fläche her natürlich auch, aber vor allem die Dichte machts aus, die man erst von oben richtig realisieren kann, überall stehen Bauten, die durchschnittliche steirische Dörfer als Gesamtes ohne weiteres beherbergen könnten, und da der Hügel halbwegs zentral gelegen ist, hat man mehr oder weniger 360 Grad Bevölkerungswahnsinn. Diese Bilder werden im Kopf bleiben.


Nach dem Abstieg haben wir uns mit einer Portion Bananen belohnt, die überschüssigen wurden kleinen Kindern auf der Straße geschenkt, die dem Spuk, da jetzt von derartigen Wesen was gutes zu essen geschenkt zu bekommen, nicht trauten. Letzter Punkt war dann wieder ein Shoppingcenter, diesmal ein Elektronikfachmarkt. Da gibts zum Beispiel ein Stockwerk,da werden nur Mobiltelefone verkauft. In den nächsten zwei dann nur Computerzubehör, und eine Videospieletage hats natürlich auch gegeben. Das Highlight im obersten Stockwerk: das E-Sportsstadion, von dem aus hochklassige Schlachten in diversen Computerspielen landesweit im Fernsehen übertragen werden. Vergesst Fußball, das ist das Wahre.


An dem Tag stand Counter-Strike auf dem Programm, die Spieler wurden einzeln wie kleine schmächtige Gladiatoren angekündigt, und dann hat man den Leuten zuschauen können beim spielen, jedem einzelnen Spieler auf einem eigenen Großbildfernseher, der Zusammenschnitt, der gerade live ausgestrahlt wird, auf großen Videoleinwänden. Zwischen den einzelnen Runden ist immer wieder dass Publikum eingeblendet worden, und natürlich, keine 10 Minuten hat es gedauert, bis die Scheinwerfer auf die Europäer geworfen wurden, und ein hübsches Gruppenbild in jede Ecke Koreas gesendet wurde. Würdiger Abschluss eines tollen Wochenendes, die viereinhalbstunden Busfahrt wurden dann schlafend verbracht, und am Montag in der Früh hat sichs angefühlt, als hätten mich in der Nacht mehrere Lastwagen überfahren. Verdammtes Bergsteigen.


Nur einen Tag später ist dann der Zimmerkollege vom Max abgereist, ich natürlich die Chance gleich am Schopf ergriffen, und zum zuständigen Büro gegangen. Im Gepäck hatte ich einen Zettel mit meinem Namen, meiner alten Zimmernummer, einem Pfeil, und der Neuen, erwünschten. Nach einigen Minuten bilingualer Kommunikation ohne nennenswerten Informationsaustausch bekam ich ein "Tomorrow". Ich war glücklich.

Beim Abendessen, wie hätts anders sein können, kommt dann gleichzeitig mit mir der Inder, was dann zu einem Tischgespräch geführt hat, das länger war als unsere gesamte restliche Kommunikation zusammengerechnet. War eigentlich ganz nett, ich hab aber immer im Hinterkopf gehabt, dass ich ja eigentlich schon mit ihm schlussgemacht hab, nur er weiß es halt noch nicht. Nach langem Herumgeplänkel über Chemie und die Welt hab ichs ihm dann geradeaus gesagt, war wohl das Klügste. Es sei halt viel unkomplizierter mit einem anderen Österreicher zusammenzuwohnen, die Lebensrhythmen stimmen sicher besser überein. Er hats mit Fassung getragen.
Nachdem ich dann am nächsten Tag all meine Sachen überführt hab, hab ich ihm noch ein Säckchen Mozartkugeln am Tisch stehen lassen, er war nicht zu hause, als ich zum letzten mal aus dem Zimmer bin. Hab ihn seit dem nicht gesehen, hoff es geht ihm gut. Aber es war wohl richtig so.


FREIHEIT :D