Jetzt weiß ich, was Propaganda ist.
Zuerst hats eine Runde im Museum gegeben, die widerum von einem ca. fünfminutigen Film, ach was sag ich, einem fünfminütigem Meisterstück der Filmkunst eröffnet wurde. Zuerst viel Gegend, dann eine ländliche Schule, wo die hübsche Frau Lehrerin die Kinder mit einer Glocke auf den Unterrichtsbeginn aufmerksam macht, besagte Kinder dann auch lachend und freudenschreiend zur Lehrstätte laufen, um im Oldschool-Klassenzimmer dann der hübschen Lehrerin beim lehren zu lauschen.
Der Vater von einem der Kinder (oder Mann von der Lehrerin, da hat sich der Film die künstlerische Freiheit genommen) steht dann, wie es sich für ein echtes Testosteronschwein gehört, in der Schmiede, und schmiedet ein tolles Werkzeug, vielleicht einen Speer, mit dem er später auf tötliche Jagt geht. Überblendung vom Schmiedefeuer in Ausschnitte aus dem Arbeitsalltag im Stahlwerk, jeder der dort Anwesenden genausoviel Testosteronschwein wie der vorher genannte, und noch dazu ein Nationalheld und sowieso Übermensch.
Dann, auf einmal, fünf dynamische Mitzwanziger trommeln mit irgendwelchen Stöcken auf einem Stahlträger herum. Die zuvor ruhigere Musik wird lauter, epochal, der Sitz unter einem vibriert, als obs das letzte mal wäre. Andere Mitzwanzigerüberall, dynamische Urbane in Seoul, die Haiwaiihemdenasiaten in Taipeh, die Quotenweissen in Pittsburgh; alle Trommeln auf irgendwas herum, immer 5 Leute. Eine Klavierspielerin im Foyer des Stahlwerks, gleich danach hat sich ein Geiger dazugesellt. Am Schluss, ein ganzes Orchester auf einer viel zu grünen Wiese mit Panoramablick auf die gesamte Anlage. Film aus, man lacht einerseits, weil das so unglaublich übertrieben war, aber eben deswegen hats auch Wirkung gehabt. Geld spielt keine Rolle.
Nach kurzem Aufenthalt im Skulpturengang geht die Führung los, die die Geschichte der Firma näherbringen soll. Der obligatorische Raum, der darlegt, dass es tatsächlich auch schon Eisennutzung vor Gründung der Firma gegeben hat; eine riesige Tafel mit Firmenmotto und viel blabla. Und dann geht los. Jeder Schritt, die Firma zu einem großen Konzert zu machen, wurde von zwei Rückschlägen der bösen Ausländer, sei es Japan, die Vereinigten Staaten oder Westdeutschland, begleitet, aber nichts und niemand kann die unbeugsamen Testosteronschweinstahlbaukoreaner aufhalten, ihr Werk aufzuziehen und gegen alle Widerstände, gegen alle Widrigkeiten und gegen alle Kräfte, die gegen sie gearbeitet haben, zu bestehen. Um das zu beschreiben, wurden auch teils unglückliche Ausdrücke gewählt.
Zukunftsausblick. Die Firma ist das beste was der Stadt passieren hätte können, und jetzt wird vor allem auf den Einklang mit der Natur geachtet, was auch mit einem sehr großen Bild einer Blumenwiese noch ganz klar untermauert wird. Wenn man für diese Firma arbeitet, ist man mehr Umweltliebhaber als jeder Greenpeaceaktivist der Welt. Aja, das Werk verbraucht in seiner Gesamtheit 5 Millionen Tonnen Wasser. Pro Tag.
Am Schluss hats dann eine Führung durchs Gelände gegeben, das aber eine Busfahrt war, die nach dem Schema "Links ist eine Wasseraufbereitungsanlage. Links ist Stahlwerk Nummer 1. Rechts ist der Hafen. Links ist Stahlwerk Nummer 2" abgelaufen ist. Dann hamma noch 300 Meter in einem Werk gehen dürfen, wo eben der Stahl verarbeitet worden ist. Leider hat man dort keine Fotos machen dürfen, die folgenden Fotos sind... äh von... woanders, und ich hab sie... aus dem Internet, ja dem Internet.
Am Schluss hat dann noch der "Chef des Werkes" zu uns im Bus gesprochen, wie er jetzt der glücklichste Mensch der Welt ist, weil wir ihn besucht haben, und er wird uns noch weitere Informationen zukommen lassen. Und tatsächlich, der Randombauarbeiter, der zufällig gut Englisch kann und deswegen den blöden Touristen als "Chef" vor die Nase gesetzt wurde, hat uns abends dann noch ein E-Mail geschrieben, dessen ersten Drittel aus Wikipedia-Facts bestanden hat. Den Rest des Platzes hat die Einladung zum englischsprachigen Gottesdienst beansprucht, wo man sich sicher sein kann, lauter nette, herzensgute, weltoffene Leute zu treffen, selbst ein Physikprofessor der Uni geht dort regelmäßig hin, in die wörtlich übersetzt "Freudenkirche". Was braucht man da noch mehr als Argument?
Alles in allem ein schöner Freitagnachmittagsausflug.
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