Donnerstag, 20. Mai 2010

See

Bei uns findet gerade der fliessende Übergang von frisch über heiß auf tropisch statt, die goldene Mitte zu genießen steht damit natürlich ganz oben auf der Liste. Das, was hier als Frühling durchgeht, ist kurz, aber schön. Heute hatte es angenehme 30 Grad, vergleichsweise trockene Luft. Grund genug sich Musik ins Ohr zu transferieren und die Zeit zwischen Frühstück/Mittagessen (gemischter Reis, tatsächlich) und Vorlesung damit zu überbrücken, sich den geschickt im geometrischen Mittel des Unigeländes liegenden Teich zu nutze zu machen, in dem man ihm jede noch so kleine Nuance an Entspannung entzieht und die Stunden zum Aufwachen nutzt. Es war ein rarer Langschläfertag.


Karma hat mir letzte Woche gezeigt, dass es durchaus möglich ist, sich durch einen Socken hindurch Haut vom großen Zehen zu reissen, aber seit dem wars wirklich ruhig (9 Tage, YEAH). Also hab ich sicherheitshalber mit einem siebzehnfachen Serienmord an heimischen Mosquitos wieder etwas Material zum Arbeiten gegeben. Die Strafe hat sich aber nicht durch, wie sonst üblich, teilweiser Zerstörung meines Körpers materialisiert, sondern in Form von einer hübschen und einer nicht ganz so hübschen jungen Dame. Sie seien von der anderen Universität in der Stadt, und seien zu Besuch auf der unsrigen, hätten mich vom anderen Ufer des Teichs aus gesehen, und wollten sich neben mich hinsetzen, sagt die hübschere, die andere schaut nur.
Der Stefan denkt sich, na gibt es denn das, hab ich denn jetzt die einzigen für Gespräche zugängliche Damen der Stadt getroffen, die von sich aus auf wen zugehen, andere Kulturen kennenlernen, Geschichten hören und erzählen, vielleicht sogar gemeinsam Eis essen gehen wollen?

"Glaubst du an Gott?"


Na geh.

Und schon hab ich eine viertel Stunde lang dem, trotz des Fakts, dass ich eigentlich schon der "richtigen" Religion angehöre, sehr intensiven missionieren widerstehen und meine Sichten über Gott und die Welt und Gott darlegen müssen. Mitgespielt habe ich, ich wollt schauen, ob ich es schaffe, dass sie sich selbst widerspricht. Das Unterfangen war nicht von Erfolg gekrönt. Einerseits sie felsenfest in ihrem Glauben, war auch schon in Syrien Muslime zu Christen ummodeln, und die andere, die sich im Hintergrund gehalten hat, hat ihre Rolle gut gespielt. Sie war die Missionarsflüstererin. Wenn das Sprachrohr nicht weiter gewusst hab, war ein kurzer koreanischer Kommentar von nebenan zu hören, und schon ist es munter weitergegangen mit der Predigt vom ewigen Leben und zugehörigem Frieden.
Sie hat mir dann ein gutes Leben gewünscht. Ein Leben mit Jesus. Und dann war endlich wieder die Sonne im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit.

12 Stunden später.


Die Sonne ist vielen anderen Sternen gewichen. Ein paar Pärchen sitzen am See, freuen sich, dass sie Händchenhalten, weil Händchenhalten im freien natürlich gleich viel pikanter als zuhause. Und zwei Österreicher, Sixpack, also Bier, und viel Fachsimpeln über die Welt. Das Unileben nehmen wir beide nicht mehr so schlecht auf wie zu Beginn, man ist heiter, freut sich aufs Reisen, plant, scherzt, trinkt. Jedes Bisschen an Entspannung in der Gegend konzentriert auf uns acht.

Und schon wird sie im Kopf begonnen, die Liste: "Sachen, die ich vermissen werd."


Vielen Dank an alle Leser aus:

Graz, Wien, Pohang, Lund, Linz, Kalmar, Zürich, Cottbus, Klagenfurt, Tampere, Oldenburg, Salzburg, Dortmund, Unterprämstätten, Bremerhaven, Innsbruck, Trondheim, Bludenz, Würselen, Bruck an der Mur, Schwabmünchen, Köflach, Greifswald, Würzburg, Bremen, Leibzig und Syracuse.

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